Im Rollstuhl von Aleppo nach Deutschland – Nujeen Mustafas Weg zu einem selbstbestimmten Leben

Nujeen Mustafa hat schon früh erlebt, wie es ist, sich anders und nicht dazugehörig zu fühlen – als Kind, das den Krieg erlebt, als behinderter Mensch und als Kurdin. In ihrem Buch “Nujeen – Flucht in die Freiheit: Im Rollstuhl von Aleppo nach Deutschland” erzählt sie ihre Lebensgeschichte. Eine Buchkritik.

Nujeen Mustafa wurde 1999 in der Nähe der Stadt Kobane geboren und lebte einige Jahre nahe der türkischen Grenze und in Aleppo. Nujeen bedeutet „’neues Leben’ und dieses neue Leben war eigentlich gar nicht geplant“ schreibt Mustafa zu Beginn. Sie ist das jüngste von neun Kindern und als sie zur Welt kam, war die Familienplanung eigentlich schon längt abgeschlossen und die ältesten Geschwister längst aus dem Haus. Sie kam mit einer Spastik in den Beinen und Armen zur Welt. Ihre Behinderung wurde erst bemerkt, als sie nicht wie andere Kinder zu laufen begann.

Ihre Geschichte wird in “Nujeen – Flucht in die Freiheit” aus der Ich-Perspektive erzählt, jedoch von der Co-Autorin Christina Lamb geschrieben, bekannt durch die Biographie der Kinderrechtsaktivistin und Nobelpreisträgerin Malala Yousafzai („Ich bin Malala“). Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert: ihr Alltag und die Situation in Syrien von 1999 bis 2014, ihre Flucht nach Europa von August bis September 2015 und ihr Leben in Deutschland.

Bomben fallen auf Aleppo

Neben der persönlichen Geschichte erfährt man Einiges über die politischen Zusammenhänge und Entwicklungen, die zum Krieg in Syrien führten, über die Lebensbedingungen der syrischen Kurdinnen und Kurden und über die Situation der Geflüchteten in Europa und Deutschland. Man taucht ein in Mustafas Leben in Syrien, entwickelt eine persönliche Beziehung zur Autorin und folgt ihr auf ihrem Weg nach Deutschland. Die Geschichte kommt trotz ihrer Dramatik und Außergewöhnlichkeit – Krieg, Flucht, Behinderung – ohne jedes Pathos aus. Man bekommt eindringlich mit, wie sich der Alltag und die Lebenswirklichkeit der Familie durch die politischen Entwicklungen und den nahenden Krieg verändern, bedrohlicher und schließlich unerträglich werden.

So schildert Nujeen Mustafa, wie die Kämpfe Aleppo erreichen. Sie beschreibt den beängstigenden Lärm der Kampfflugzeuge und Bomben, wie sie sich verunsichert allein in der Wohnung aufhält, während die Familienmitglieder zur Arbeit, Schule oder Uni sind. Oder wie bei Angriffen die Familie vereint in der Wohnung sitzt, während andere in die Luftschutzbunker fliehen, weil man mit dem behinderten Kind die Wohnung nicht so schnell verlassen kann.

Selbstbestimmtes Leben undenkbar

Wenn Nujeen Mustafa als Kind und Teenager von ihrem Leben in Syrien berichtet, vom Krieg, aber auch vom ganz banalen Alltag, der Familie, ihrer Lieblingsserie oder ihrer Schildkröte, so berichtet sie dies alles auch als Mensch mit einer Behinderung. Das geschieht selbstverständlich und selbstbewusst und ohne großen Aufhebens, aber die Behinderung ist eben präsent und prägt ihr Leben und ihren Alltag.

Die Familie lebt im 5. Stock ohne Fahrstuhl. Nujeen Mustafa besucht keine Schule und verlässt die Wohnung nur einmal im Jahr zu Newroz, dem höchsten kurdischen Feiertag. In der Wohnung bewegt sie sich ohne Rollstuhl fort in einem, wie sie sagt „Kaninchengang“. Mit zehn Jahren kann sie sich nach einer Operation und mit Beinschienen schließlich einigermaßen ohne fremde Hilfe innerhalb der Wohnung bewegen. Manchmal sitzt sie auf dem Balkon und beobachtet das Geschehen auf der Straße. Als jüngstes und dazu noch behindertes Kind wird ihr vieles abgenommen und nachgesehen, was sie mitunter ausnutzt, andererseits wird sie auch gefordert. So bringt ihr eine Schwester Schulbücher mit nach Hause, die andere Schwester unterrichtet sie im Lesen und Schreiben. Sie liest viel, sieht viel fern, vor allem Dokumentarfilme, und bringt sich auf diese Weise das meiste selbst bei, auch Englisch mit Hilfe einer amerikanischen Seifenoper und Quizshows. Die Autorin lernt so schon von Klein auf, dass sie ihren Kopf und ihre Fantasie einsetzen muss, weil ihr Körper ihr vermeintlich Grenzen setzt. Wobei es weniger ihr Körper als vielmehr eine Umwelt ist, in der ein selbstbestimmtes Leben mit Behinderung erstmal undenkbar ist.

Beim Lesen ertappte ich mich immer wieder dabei, dass ich den von der Autorin beschriebenen Alltag mit dem Leben in Europa bzw. Deutschland verglich und mich auf kulturelle Unterschiede konzentrierte, gerade auch im Hinblick auf den Umgang mit Behinderung. In dem Buch erfährt man wenig über den gesellschaftlichen Stellenwert von behinderten Menschen, aber kann ihn natürlich aufgrund der Lebenssituation der Autorin, ihrer Selbstwahrnehmung und des Umgangs der Familie mit ihr erahnen. Aber auch, wenn es hier offensichtliche Unterschiede gibt, wie beispielsweise eine komplett fehlende barrierefreie Infrastruktur und Behinderung im gesellschaftlichen Bewusstsein nicht vorzukommen scheint – tatsächlich konnte ich persönlich viele Parallelen zu meinem eigenen Aufwachsen mit Behinderung in Deutschland feststellen. Auch ich, und ich spreche wohl für viele andere, bin damit groß geworden, dass an eigenen Körper herumgedoktert wurde, um den vermeintlich defizitären Körper halbwegs zu optimieren, was nicht immer von Vorteil war, sondern oft das Gegenteil brachte. Auch ich habe es zumindest die ersten Jahre erlebt, in einer Wohnung voller Barrieren vollkommen abhängig von der Hilfe durch Eltern und Geschwister zu sein und mich kaum ohne fremde Hilfe bewegen zu können. Auch mir ist das zeitweilige Hadern und Zweifeln eines Teenagers mit sich selbst aufgrund der Behinderung vertraut sowie der Wunsch, so „normal“ wie alle anderen zu sein, sich im Vergleich mit den nichtbehinderten Schwestern weniger attraktiv zu fühlen, aber auch den „Behindertenbonus“ und den besonderen Status innerhalb der Familie auszunutzen. Und auch wenn es im Deutschland der 80er Jahre die Regel war, als behindertes Kind zu Schule zu gehen und ich nicht wie Mustafa zuhause von der großen Schwester unterrichtet werden musste, so kenne auch ich das zeitweilige Stubenhocker-Dasein vor dem Fernseher, während die gleichaltrigen Nachbarskinder draußen auf dem Spielplatz tobten.

Flucht über Land und Wasser im Rollstuhl

Nujeen Mustafa gelingt schließlich die Flucht nach Deutschland mit einem Rollstuhl, den sie in der Türkei von einer Wohlfahrtsorganisation erhält. Ohne die Eltern, nur mit zwei Schwestern und Verwandten, begibt sie sich über das Mittelmeer und die Balkanroute nach Europa. Eine der Schwestern bleibt die ganze Strecke über fest an der Seite Nujeen Mustafas und schiebt ihren Rollstuhl. Während der Flucht trennen sie sich immer wieder von der restlichen Verwandtschaft, die weite Strecken zu Fuß zurücklegt, während die Schwestern mit Flugzeug, Zug, Bus und Taxi unterwegs sind. Immer wieder hadert Nujeen Mustafa, dass sie nicht wie die anderen flüchten kann. Doch auch sie und ihre Schwester müssen kilometerweit über Feldwege, durch das Gebirge und durch Blumenfelder umherirren.

Dabei erhält Mustafa Solidarität und Unterstützung von anderen Flüchtlingen auf der Route sowie von Einheimischen und Flüchtlingshelfern, denen sie auf der Strecke begegnet. Gleichzeitig erlebt sie sich mit ihrem Rollstuhl auch immer wieder als Last und Klotz am Bein und lebt mit der ständigen Sorge, man würde ihr den Rollstuhl wegnehmen. Ohne den Rollstuhl wäre die Flucht für sie jedoch unmöglich gewesen. So reagiert der Großteil der Verwandtschaft bereits in der Türkei skeptisch darauf, dass Mustafa mitkommen soll. Vor der Überfahrt über das Meer wird sogar vereinbart, den Rollstuhl zurückzulassen, bzw. ihn bei Bedarf jederzeit über Bord zu werfen. Besonders eindrücklich war für mich dabei die Szene, als an der türkischen Küste alle Verwandten einschließlich der Schwester bereits an Bord des Schlauchbootes waren und Mustafa realisiert, dass sie die einzige noch an Land ist und fragt „Und was ist mit mir?“. Zwei marokkanische Flüchtlinge sind es schließlich, die sie mit dem Rollstuhl durch das Wasser ins Boot tragen.

„Zum ersten Mal waren die anderen auf mich angewiesen“

Ein besonderes Schlüsselerlebnis ist schließlich, wie Nujeen Mustafa bei ihrer Ankunft in Griechenland feststellt, dass sie als einzige in ihrer Familie Englisch spricht. Sie übernimmt fortan die Konversation mit den Einheimischen und den Flüchtlingshelfern und wird auch später immer wieder als Dolmetscherin für andere Geflüchtete auf der Strecke eingesetzt. So schreibt sie: „Zum ersten Mal in meinem Leben waren die anderen auf mich angewiesen!“. Heute lebt Nujeen Mustafa mit ihren Schwestern in einer Wohnung bei Köln, geht zur Schule, spielt Basketball, hat Freunde, nimmt an Ausflügen und Unternehmungen teil.

Medienecho zum Buch

Diverse Medien berichteten über Nujeen Mustafa. Bereits auf der Flucht wird sie u.a. von der BBC interviewt. Später berichten auch verschiedene deutsche Medien von Bild.de bis Zeit Online über sie. Dort finden sich die gängigen Formulierungen, wenn über behinderte Menschen berichtet wird. Im Klappentext zum Buch heißt es schon: die Autorin sei „trotz ihrer Krankheit, die sie ans Haus fesselte“ eine „bemerkenswert tapfere Syrerin, die nie aufgehört hat, zu lächeln“. Dass es dort außerdem fälschlicherweise heißt, die Autorin sei „mit Kinderlähmung geboren“ (weder hat sie Kinderlähmung, noch wird man mit dieser geboren, sondern erwirbt sie erst später), ist ein peinlicher Fauxpas.

Auf Bild.de wie auch auf Spiegel-Online, „leidet“ sie unter ihrer Behinderung. Ein anderer Spiegel-Artikel endet mit den bewegenden Worten: „Und dann gibt es da noch etwas: ‚Ich hoffe, dass ich in Deutschland geheilt werde‘, sagt Nujeen mit fester Stimme.“ Wobei ich auch hier weniger den Wunsch der Autorin und ihr subjektives Erleben ihrer Behinderung problematisch finde (hierfür wird es verschiedene Gründe geben), sondern eher die Art und Weise, in der der Spiegel-Autor diesen Wunsch zum Schluss eines eigentlich akzeptablen Artikels erwähnenswert findet.

Die Beschreibungen in den Medien stehen dabei in einem deutlichen Kontrast zu dem Bild, das im Laufe der Lektüre von der Person entstanden ist. Es war geradezu irritierend bis verstörend, wie rührselig und bewundernd über Nujeen Mustafa berichtet wurde und sie dadurch zu einer klassischen Vorzeige-Behinderten mutierte. Zeitweilig beschlich mich das Gefühl, dass sie in den Interviews und Videos auch selbst mehr dieser Rolle und einem bestimmten Behindertenbild entsprach und sie kleiner und weniger selbstbewusst wirkte, als es eigentlich in ihrer Biographie der Fall war. Das ist schade, aber leider das klassische Phänomen einer Rollenzuschreibung. Es ist gleichzeitig paradox, denn in Deutschland erfährt Nujeen Mustafa erstmals ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung, wie sie es in Syrien nie erfahren konnte.

Dieser Text erschien (in gekürzter Form) zuerst auf Leidmedien.de der Sozialhelden. Nachzulesen hier: Buchkritik: Nujeen Mustafa – Flucht in die Freiheit

Sibel Kekilli, Lobbyismus und was bitte hat Johannes Kahrs mit Teilhabe zu tun?! – Eine ganz persönliche Auswertung der Veranstaltung zum Bundesteilhabegesetz am 29.10.2016 in Hamburg 

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Am 29.10.2016 war die Bundesministerin für Arbeit und Soziales Andrea Nahles in Hamburg, um das geplante Bundesteilhabegesetz (BTHG) vorzustellen. Das BTHG soll am 01.01.2017 in Kraft treten mit der Zielsetzung, die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen und Teilhabe und Selbstbestimmung behinderter Menschen gesetzlich zu verankern. Soviel zur Theorie. Der derzeitige Gesetzesentwurf enthält viele Mängel und wird daher von behinderten Menschen und ihren Verbänden in seiner jetzigen Form abgelehnt, da er als unzureichend und in vielen Bereichen sogar als rückschrittig gilt.

Man könnte fast sagen, Hamburg war für Frau Nahles eine Station auf ihrer Abschluss-Tournee zum BTHG, um nochmal Werbung für das Gesetz zu machen und seine Kritiker*innen doch noch irgendwie von den Inhalten zu überzeugen oder doch zumindest etwas zu besänftigen. Eingeladen hatte der haushaltspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und Abgeordnete des Wahlkreises Hamburg-Mitte Johannes Kahrs.

Veranstaltungsort war der Musiksaal im 4. Stock des DGB-Gebäudes am Besenbinderhof. Wer mit einem Rollstuhl jenseits der Maße „klein und kompakt“ unterwegs war, stieß bereits am Fahrstuhl im Eingang zum Gewerkschaftshaus auf die erste Barriere. Der Fahrstuhl war so klein, dass viele der rollstuhlfahrenden Besucher*innen dazu gezwungen waren, ihr Fußbrett abzumontieren, um doch noch irgendwie in den 4. Stock zu gelangen und nicht wieder unverrichteter Dinge von dannen zu ziehen. Eine Rollstuhlfahrerin fuhr sich sogar in der Fahrstuhl-Kabine fest und kam erst mal gar nicht mehr raus. Sie konnte zum Glück nach einer Weile wieder befreit werden. Teilhabe geht irgendwie anders.

Überraschenderweise stellte sich irgendwann heraus, dass es im Nebeneingang einen zweiten, größeren Fahrstuhl gab, und man durfte schließlich auf diesen ausweichen. Warum nicht gleich so? Eine Antwort blieb man uns schuldig.

Dass es im Empfangsbereich nur Stehtische gab, und wir Besucher*innen mit Rollstuhl mit unseren Getränken blöd im Weg rumstanden, war schon irgendwie normal. Man hat sich ja mittlerweile daran gewöhnt, dass auf Veranstaltungen, bei denen mit vielen rollstuhlfahrenden Teilnehmer*innen zu rechnen ist, auf solche „Feinheiten“ nicht auch noch geachtet werden kann (Achtung: Ironie!). Immerhin, alle waren bemüht, zuvorkommend und freundlich. Na, denn.

Im Veranstaltungsraum selbst gab es dann im vorderen Bereich seitlich der Bühne eine freie Fläche. Nachdem wir suchend nach Plätzen für uns umherschauten, weil die Ecke vorne nicht recht als Rollstuhl-Fläche erkennbar war, wies uns Johannes Kahrs in fast schon vorwurfsvoll, genervtem Ton darauf hin, er habe diesen Bereich extra für uns freigehalten. Wirklich großzügig war der Platz nicht bemessen, aber naja.

Der befremdlichen ersten Begegnung mit Herrn Kahrs folgte dann eine ebensolche Begrüßungsrede. Er zitierte darin Forderungen der Bundesbehindertenbeauftragten Verena Bentele zum BTHG und stellte diesen ein Zitat der Schauspielerin Sibel Kekilli gegenüber, die mal etwas über Selbstbestimmung gesagt hat. Wie jetzt?! Bei den Worten der Schauspielerin ging es zwar nicht um die Selbstbestimmung behinderter Menschen oder gar um das BTHG. Es war eher eine philosophische Betrachtung des Strebens nach Freiheit, Selbstverwirklichung und den Grenzen, die die Realität uns oft setzt. Herr Kahrs muss da also irgendwie etwas durcheinandergebracht haben. Überhaupt wirkte das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen und diente Herrn Kahrs offensichtlich in erster Linie nur dazu, seine Meinung zu untermauern, die da in etwa lautete: Man kann viel fordern, aber eben nicht alles haben. Tja, das Leben ist eben kein Wunschkonzert, das hatten wir ja schon beim Erreichen der Räumlichkeiten mit dem Fahrstuhl am eigenen Leibe erfahren müssen.

Dann übernahm Frau Nahles das Wort. In ihrer Hauruck-Art, die durchaus nicht unsympathisch wirkt, ja, in gewisser Weise auch engagiert und kompromisslos, ging sie die einzelnen Punkte und Kritikpunkte des Gesetzesentwurfs durch. Das war gut verständlich, strukturiert und ohne viel Gelaber. Bei aller berechtigten Kritik an ihrer Art fand ich das im Vergleich zu anderen politischen Reden durchaus angenehm und erfrischend. Im Anschluss gab es Zeit für Fragen aus dem Publikum, die Frau Nahles alle konzentriert beantwortete. Natürlich waren dafür zwei Stunden nicht ausreichend. Aber länger hätte zumindest ich persönlich die ganze Show nicht ausgehalten.

Frau Nahles‘ Botschaft war klar und unmissverständlich: Man gibt sich in dem einen oder anderen Punkt zwar verhandlungsbereit, aber eigentlich nicht wirklich. Ohnehin gibt es kein Gesetz, das zu 100 Prozent passt, man muss eben Kompromisse machen. Und: Das Gesetz wird kommen. Basta! (Auf die einzelnen Inhalte will ich hier nicht weiter eingehen. Das lässt sich vielerorts genauer und fundierter nachlesen.)

Eine weitere deutliche Botschaft von Frau Nahles wie auch von Herrn Kahrs richtete sich gegen die Proteste, die in den letzten Monaten vielerorts stattgefunden und von behinderten Menschen und ihren Verbänden organisiert wurden. Dazu hieß es, mit den Protesten erreichten wir nur das Gegenteil, denn das Gesetz koste viel Geld und der Bundesfinanzminister und viele andere hätten ohnehin kein Interesse an dem Gesetz. Wenn wir das Gesetz also in dieser Form ablehnten, dann gibt es eben gar kein Gesetz. Basta!

Im Grunde können also wir behinderten Menschen und unsere Angehörigen sogar noch froh und dankbar sein, dass Frau Nahles sich trotz aller Widerstände auf allen Seiten die letzten zwei Jahre überhaupt für uns stark gemacht hat. Und nebenbei erwähnt – das sage ich jetzt ganz ohne Ironie – in gewisser Weise bin ich sogar froh und dankbar, dass Frau Nahles die Toughness und Hartnäckigkeit besitzt, einem Herrn Schäuble Kontra zu geben und mit ihm zu streiten. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich mich auch mit all seinen geplanten Inhalten und faulen Kompromissen zufriedengeben muss. Wenn Teilhabe und Selbstbestimmung schon Gesetz werden sollen, dann bitte auch richtig und ohne halbe Sachen.

Um ganz genau zu sein, wurden von Frau Nahles und insbesondere von Herrn Kahrs eigentlich nicht die Proteste an sich kritisiert, sondern eher die Art der Proteste, auch wenn das im Ergebnis natürlich auf dasselbe hinausläuft. Herr Kahrs hatte dazu einen recht eigenwilligen Denkansatz, mit dem er sich für mich nach den ersten befremdlichen Begegnungen leider schließlich völlig ins Abseits schoss. Seiner Ansicht nach war es nämlich völlig ungewöhnlich und unverständlich, bei Kritik an einem Gesetzesentwurf einfach das Gesetz insgesamt abzulehnen, sich vor dem Reichstagsgebäude anzuketten und die sozialen Medien als Sprachrohr zu nutzen. Ein derartiges Vorgehen kenne er so von keiner anderen Bevölkerungsgruppe. Damit erreiche man doch gar nichts, sondern nur das Gegenteil. Und schließlich: Lobbyarbeit geht anders.

Lobbyarbeit also. Da frage ich mich doch ernsthaft, in was für einer Welt lebt Herr Kahrs? Offenbar in einer Welt, in der man nicht auf die Straße zu gehen braucht, um seinem Protest Ausdruck zu verleihen und für eigene Rechte einzustehen. In seiner Welt reichen vermutlich ein paar Anrufe bei den richtigen Leuten, Kontakte, Geld und Macht, um Politik im eigenen Sinne zu beeinflussen.

Neben der speziellen Art von Herrn Kahrs, Politik zu betreiben und eigene Interessen durchzusetzen, die mit dieser Aussage zum Ausdruck kam (wer in Hamburg lebt, weiß, was ich meine), hat Herr Kahrs mit seiner Aussage vor allem aber eines bewiesen: Von der Lebenssituation von Menschen mit Behinderung hat er absolut keine Ahnung.

Wer in einer Welt lebt, in der man durch Geld, Macht und die richtigen Kontakte Probleme aus der Welt schaffen und Interessen durchsetzen kann, der hat nicht begriffen, worum es geht, wenn einem tagtäglich das Grundrecht auf ein selbstbestimmtes Leben und Teilhabe abgesprochen wird und man sich sozusagen am anderen Ende der Kette der Reichen, Mächtigen und Einflussreichen, der sogenannten Strippenzieher befindet.

Mag sein, dass Herr Kahrs seiner Genossin Nahles mit der Veranstaltung in Hamburg behilflich sein wollte, für ihr Gesetz zu werben. Für mich hat er damit leider das Gegenteil bewirkt und mich und viele andere nochmals sehr deutlich darin bestärkt: Dies ist nicht mein Gesetz!

 

Die neue Freak Show – oder: Warum mir die Videos der Aktion Mensch auf den Geist gehen

Seit Wochen geistert im Internet, in den sozialen Medien und als Werbespot auch im Fernsehen ein Video der Aktion Mensch herum, Titel „Die neue Nähe“. In diesem Video treffen Kinder auf Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, die besonders ausgefeilte technische Hilfsmittel benutzen wie z.B. eine Hightech-Beinprothese, ein Exo-Skelett oder einen Roboter-Arm. Man bemerke, die Kinder sind allesamt nichtbehindert. Die Begegnungen finden nicht etwa in der freien Wildbahn statt, sondern in der künstlichen Atmosphäre eines Fernseh-Studios.

Das Video ist Teil einer Kampagne der Aktion Mensch, in der Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung geschaffen, inszeniert und auf vielfältige Weise dokumentiert werden. Unter dem Motto „Menschen begegnen“ gibt es neben dem besagten Video noch ähnliche Videos zu sehen sowie diverse Werbespots, Geschichten von Freundschaften zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen, ein Selbst-Test, wie man (als Nichtbehinderter) einem behinderten Menschen begegnet, Tipps für Begegnungen und schließlich eine Mitmach-Aktion, in der man Selfies und eigene Geschichten zum Thema einreichen kann.

„Begegnungen bereichern unser Leben, wenn wir es zulassen. Im Alltag begegnen sich Menschen mit und ohne Behinderung viel zu selten. Das wollen wir ändern. Weil nur dann eine inklusive Gesellschaft entstehen kann.“ heißt es dazu auf der Website von Aktion Mensch.

Es ist klar, dass sich diese Videos und Botschaften in erster Linie an nichtbehinderte Menschen richten sollen. Der Blick ist von dem Menschen ohne auf den Menschen mit Behinderung gerichtet.

In dem besagten Video reagieren die Kinder fasziniert und beeindruckt von den technischen Möglichkeiten und Ausgefeiltheiten. Die Hilfsmittel stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Die behinderten Menschen erläutern und demonstrieren die Technik, man könnte sagen, sie führen damit Kunststückchen vor. Die Kinder dürfen alles anfassen, Fragen stellen, ausprobieren und reagieren mit „Cool!“, „Wow!“ und „Das ist ja krass!“. Ihnen steht die Bewunderung und Faszination ins Gesicht geschrieben und die behinderten Protagonisten lächeln glücklich und zufrieden. Am Ende umarmen sich Behinderte und Nichtbehinderte, das ganze untermalt mit rührseliger Klaviermusik. Im Abspann heißt es dann „Jede neue Idee kann uns näher bringen.“.

In einem anderen Video der Aktion Mensch, dem Vorgänger-Video aus der Reihe mit dem Titel „Das erste Mal“, treffen jeweils ein erwachsener Mensch mit und einer ohne Behinderung unerwartet aufeinander. Sie alle wurden zu einem Casting eingeladen, ohne zu wissen, was sie vor Ort erwartet. Vor laufender Kamera werden sie von der Regie aufgefordert, bestimmte Szenen nachzuspielen, der Zuschauer und die Zuschauerin können dabei zusehen, wie sie diese Aufgabe gemeinsam meistern inklusive eines Feedbacks, wie es den Protagonistinnen und Protagonisten miteinander erging. Im Abspann heißt es dann „Jede Begegnung kann ein Anfang sein.“.

Die Botschaft der Videos könnte in etwa lauten: Begegnung schafft Nähe schafft Inklusion.

Aber ist das wirklich Inklusion? Mir geraten bei dieser Art Videos der Aktion Mensch regelmäßig kalte Schauer über den Rücken. Ich habe lange gebraucht, bevor ich mich endlich dazu durchringen konnte, das aktuelle in meiner Timeline allseits präsente Filmchen anzusehen. Da es von vielen behinderten Menschen geteilt und geliked wurden, überwand ich mich schließlich. Schon das Vorgänger-Video löste in mir Unbehagen und Abwehr aus, die es mir schwermachten, es bis zum zu Ende anzusehen. Heute nun will ich mich diesen unangenehmen Gefühlen stellen und versuche mal, zu beschreiben, was die Bilder in mir auslösen. Dazu muss ich ein wenig ausholen.

Als Mensch, der mit einer sichtbaren Behinderung aufgewachsen ist, inklusiv beschult wurde, als es noch keine inklusiven Schulen gab, und außerhalb von Sondereinrichtungen aufgewachsen ist, weiß ich aus eigener Erfahrung, wie wichtig reale Begegnungen zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen sind, um Berührungsängste abzubauen. Da gehe ich mit der Botschaft der Aktion Mensch vollkommen d’accord!

Je früher die Begegnung, desto nachhaltiger. Als ich Anfang der 80er Jahre in die Grundschulklasse einer Regelschule neu hinzukam, war der Kontakt mit einem behinderten Kind für meine Schulkameradinnen und -kameraden erstmal eine völlig neue Erfahrung. Nachdem ich erstmal ausgiebig beäugt wurde, fielen jedoch sehr bald die Hemmungen und das Miteinander wurde ungezwungen und im besten Sinne „normal“. Ich hörte von meinen Schulkameradinnen und -kameraden sehr oft den, für mich damals irritierenden, Satz „Du bist doch gar nicht behindert!“, was übersetzt so viel heißen sollte wie „Mit dir kann man ja genauso spielen/sprechen/streiten wie mit den anderen (nichtbehinderten) Kindern auch.“. Ich wurde von den Kindern als ihresgleichen begriffen, indem sie keinen Unterschied mehr zwischen behindert und nichtbehindert machten.

Es gehörte irgendwann ganz selbstverständlich dazu, dass sich Freundinnen und Freunde in meinen Rollstuhl setzten und mit ihm herumkurvten oder ich auf Klassenreise während langer Fußmärsche von erschöpften Klassenkameradinnen und Klassenkameraden zu hören bekam „Sei froh, dass du sitzen darfst!“. Von letzterem kann man halten, was man will. Aber der natürliche, spontane Umgang von Kindern gegenüber Behinderung, behinderten Menschen und entsprechend mit Hilfsmitteln, der durch das gemeinsame Aufwachsen und die realen Begegnungen entstehen, sind eine wichtige Voraussetzung für eine inklusive Gesellschaft.

Mit diesem Ansatz versucht sich letztlich auch die Aktion Mensch in ihrem Video. Der Unterschied ist jedoch, dass die Begegnungen, die in den Videos geschaffen werden, eben nicht natürlicher Form sind. Sobald eine Begegnung jedoch nicht mehr auf natürliche Weise zustande kommt, verliert sie ihren freiwilligen Charakter.

So sind die Szenen im Video von Anfang bis Ende künstlich und erzwungen. Die Protagonistinnen und Protagonisten befinden sich in einem Fernsehstudio. Es werden jeweils zwei Menschen miteinander konfrontiert – oder auch aufeinander losgelassen – von denen eine Person explizit eine bestimmte Eigenschaft hat, die die andere Person nicht hat, nämlich die Eigenschaft, behindert zu sein. Diese steht im Fokus des Geschehens, sie wird als solche zwangsläufig zum Thema gemacht. Man könnte auch sagen, das Thema ist vorgegeben, auf dem Stundenplan steht heute das Thema „Behinderung“. Die Kamera dokumentiert nun von Anfang bis Ende, wie die beiden Personen mit dieser Situation umgehen, sie kommen nicht mehr aus der Nummer raus.

Neben dem Zwangscharakter, mit dem die Begegnungen und das Thema generiert werden, stößt etwas Weiteres unangenehm auf: Die Behinderung bzw. das vermeintliche Defizit und damit verbunden das außergewöhnliche Hilfsmittel, das das jeweilige Defizit kompensiert, stehen hier im Mittelpunkt. Solange jedoch die Behinderung eines Menschen im Vordergrund einer Begegnung steht, ist keine Begegnung auf Augenhöhe möglich. Es geht dann nämlich nicht mehr um seine Ressourcen und Fähigkeiten, die ihn zu einem gleichwertigen Individuum machen, sondern um den Fokus auf das, was er nicht kann und was ihn abhängig, hilfsbedürftig, schwach und unterlegen macht. So wird Macht zementiert.

Mehr noch, es ist ein Blick auf Behinderung und behinderte Menschen aus der Perspektive des Nichtbehinderten. Der Mensch mit Behinderung wird damit zum Objekt gemacht, man könnte auch sagen zum Untersuchungsobjekt oder zur exotischen Spezies, die vom nichtbehinderten Betrachter unter die Lupe genommen wird. Der bzw. die Nichtbehinderte wird auf diese Weise unweigerlich zur Norm deklariert, der bzw. die Behinderte trägt das Stigma des Andersartigen.

Der Denkprozess, der bei den (nichtbehinderten) Zuschauerinnen und Zuschauern in Gang gesetzt werden soll, könnte in etwa lauten: „Behindert zu sein ist ja gar nicht so schlimm! Behinderte Menschen sind ja total nett! Wir sind doch alle gleich! Toll, was die alles trotz der Behinderung leisten!“. Mit anderen Worten: Berührungsängste nichtbehinderter Menschen gegenüber Behinderung und behinderten Menschen sollen auf diese Weise abgebaut werden.

Aber können Berührungsängste auf diese Weise wirklich abgebaut werden? Ich sage ganz klar: Nein! Mich erinnern die gefilmten Szenen an diese typischen Situationen, die wohl jeder behinderte Mensch schon mal in ähnlicher Weise erlebt hat, wenn z.B. jemand an der Kasse hinter einem steht und einem lobend auf die Schulter klopft, weil man dazu in der Lage ist, selbständig einen Liter Milch einzukaufen, oder man auf einer Party von dem angetrunkenen Freund eines Freundes gefragt wird, ob man denn auch Sex haben kann und wie er sich das genau vorzustellen hat. Neben der Tatsache, dass solche Begebenheiten per se unangenehm und übergriffig sind, enthalten sie Momente von Faszination, Bewunderung, Neugier. Hier geht es nicht um Begegnung auf Augenhöhe, es geht auch nicht darum, Barrieren und Vorurteile abzubauen und sich wirklich einander näher zu kommen. Es geht um die reine Sensationslust bei gleichzeitig innerer Abwehr nach dem Motto: Erzähl mir alles über dich (über dein Defizit und Anderssein), aber komm mir bloß nicht zu nahe!

Meine Behinderung bzw. das vermeintliche Defizit und Anderssein dienen in solchen Begegnungen als eine Art Quelle der Inspiration.  Diese Art, mit der behinderte Menschen zum Objekt gemacht werden, von deren angeblichen Defizit, Andersartigkeit oder Schicksal sich andere inspirieren, motivieren oder anderweitig profitieren können, bezeichnete die Aktivistin und Journalistin Stella Young sehr treffend als „Inspiration Porn.“ Man könnte auch böse sagen, mein Gegenüber geilt sich daran auf.

Berührungsängste werden auf solche Weise jedenfalls nicht abgebaut, sondern eher noch verstärkt, Grenzen nicht aufgelöst, sondern verfestigt. Statt Normalität im Anderssein zu vermitteln, wird Andersartigkeit zementiert. Die Folge ist Separation statt Inklusion.

Und so, wie ich in solchen Situationen den Menschen, die sich gerade an mir und meinem vermeintlichen Defizit aufgeilen, am liebsten einmal kräftig über den Fuß fahren möchte, habe ich auch bei den Videos der Aktion Mensch das Bedürfnis, auszurufen, Hört auf mit dieser Freak Show! Denn nichts anderes ist es, was die Aktion Mensch da in meinen Augen aufführt. Diese „Abnormitäten-Schaus“, die bis ins 20. Jahrhundert vornehmlich auf Jahrmärkten aufgeführt wurden, verliefen nach einem ähnlichen Prinzip. Menschen mit körperlichen Abweichungen wurden damals auf Bühnen gezeigt, wie sie alltägliche Tätigkeiten verrichteten. Jahrmarktbesucher durften ihnen mit einer Mischung aus Faszination und Ekel dabei zuschauen.

Paradoxerweise ist es gerade auch die Aktion Mensch, die sich öffentlich gegen diese Darstellung von behinderten Menschen in den Medien positioniert und gerne Aktivistinnen und Aktivisten zitiert und mit ihnen kooperiert, die ein anderen Bild von Behinderung verkörpern oder propagieren.

In den vergangenen 16 Jahren seit ihrer Umbenennung hat die Aktion Mensch überdies eine Menge in ihre Public Realtions gesteckt, um ein neues Image zu kreieren und sich von ihrem früher propagierten Bild von Menschen mit Behinderung als sogenannte Sorgenkinder zu distanzieren. Herausgekommen sind dabei viele sehr gelungene Aktionen und Kampagnen, die tatsächlich neue Sichtweisen auf Behinderung und behinderte Menschen in die Medien und damit in den öffentlichen Diskurs transportierten.

Aber Teil des neuen Gewands der Aktion Mensch sind leider auch die besagten Videos, die erstmal sehr innovativ erscheinen mögen, aber bei näherer Betrachtung leider unweigerlich in die Kategorie der Freak Show verfallen. Das ist ganz gewiss nicht beabsichtigt. Aber Aktion Mensch folgt so dem Duktus, dem viele Medien nach wie vor noch immer verfallen, ob sie es wollen oder nicht. Das hängt mit dem Bild in den Köpfen zusammen, gegen das die Aktion Mensch zwar offensiv mit ihren Kampagnen entgegenzuwirken versucht, dem aber viele Aktion Mensch-Funktionäre vermutlich noch immer stark verhaftet sind. Die Videos werden schließlich von nicht behinderten Menschen für nichtbehinderte Menschen gemacht. Und auch viele behinderte Menschen sind leider in diesem Selbstbild gefangen und sehen so nicht, was da mit ihnen gemacht wird und inwiefern sie für den vermeintlich guten Zweck missbraucht und vor den Karren gespannt werden.

Sind das bloße Ausrutscher, wurden die Macherinnen und Macher der Kampagne schlecht beraten oder präsentiert sich hier, böse gesagt, vielleicht auch nur das wahre Gesicht der Aktion Mensch, die noch immer eine Soziallotterie ist, die auf der Mitleidsschiene Geld für den vermeintlich guten Zweck sammelt und behinderte Menschen dafür als Objekte benutzt?

Für mich jedenfalls sehen „bereichernde Begegnungen“ zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen anders aus.