Die neue Freak Show – oder: Warum mir die Videos der Aktion Mensch auf den Geist gehen

Seit Wochen geistert im Internet, in den sozialen Medien und als Werbespot auch im Fernsehen ein Video der Aktion Mensch herum, Titel „Die neue Nähe“. In diesem Video treffen Kinder auf Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, die besonders ausgefeilte technische Hilfsmittel benutzen wie z.B. eine Hightech-Beinprothese, ein Exo-Skelett oder einen Roboter-Arm. Man bemerke, die Kinder sind allesamt nichtbehindert. Die Begegnungen finden nicht etwa in der freien Wildbahn statt, sondern in der künstlichen Atmosphäre eines Fernseh-Studios.

Das Video ist Teil einer Kampagne der Aktion Mensch, in der Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung geschaffen, inszeniert und auf vielfältige Weise dokumentiert werden. Unter dem Motto „Menschen begegnen“ gibt es neben dem besagten Video noch ähnliche Videos zu sehen sowie diverse Werbespots, Geschichten von Freundschaften zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen, ein Selbst-Test, wie man (als Nichtbehinderter) einem behinderten Menschen begegnet, Tipps für Begegnungen und schließlich eine Mitmach-Aktion, in der man Selfies und eigene Geschichten zum Thema einreichen kann.

„Begegnungen bereichern unser Leben, wenn wir es zulassen. Im Alltag begegnen sich Menschen mit und ohne Behinderung viel zu selten. Das wollen wir ändern. Weil nur dann eine inklusive Gesellschaft entstehen kann.“ heißt es dazu auf der Website von Aktion Mensch.

Es ist klar, dass sich diese Videos und Botschaften in erster Linie an nichtbehinderte Menschen richten sollen. Der Blick ist von dem Menschen ohne auf den Menschen mit Behinderung gerichtet.

In dem besagten Video reagieren die Kinder fasziniert und beeindruckt von den technischen Möglichkeiten und Ausgefeiltheiten. Die Hilfsmittel stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Die behinderten Menschen erläutern und demonstrieren die Technik, man könnte sagen, sie führen damit Kunststückchen vor. Die Kinder dürfen alles anfassen, Fragen stellen, ausprobieren und reagieren mit „Cool!“, „Wow!“ und „Das ist ja krass!“. Ihnen steht die Bewunderung und Faszination ins Gesicht geschrieben und die behinderten Protagonisten lächeln glücklich und zufrieden. Am Ende umarmen sich Behinderte und Nichtbehinderte, das ganze untermalt mit rührseliger Klaviermusik. Im Abspann heißt es dann „Jede neue Idee kann uns näher bringen.“.

In einem anderen Video der Aktion Mensch, dem Vorgänger-Video aus der Reihe mit dem Titel „Das erste Mal“, treffen jeweils ein erwachsener Mensch mit und einer ohne Behinderung unerwartet aufeinander. Sie alle wurden zu einem Casting eingeladen, ohne zu wissen, was sie vor Ort erwartet. Vor laufender Kamera werden sie von der Regie aufgefordert, bestimmte Szenen nachzuspielen, der Zuschauer und die Zuschauerin können dabei zusehen, wie sie diese Aufgabe gemeinsam meistern inklusive eines Feedbacks, wie es den Protagonistinnen und Protagonisten miteinander erging. Im Abspann heißt es dann „Jede Begegnung kann ein Anfang sein.“.

Die Botschaft der Videos könnte in etwa lauten: Begegnung schafft Nähe schafft Inklusion.

Aber ist das wirklich Inklusion? Mir geraten bei dieser Art Videos der Aktion Mensch regelmäßig kalte Schauer über den Rücken. Ich habe lange gebraucht, bevor ich mich endlich dazu durchringen konnte, das aktuelle in meiner Timeline allseits präsente Filmchen anzusehen. Da es von vielen behinderten Menschen geteilt und geliked wurden, überwand ich mich schließlich. Schon das Vorgänger-Video löste in mir Unbehagen und Abwehr aus, die es mir schwermachten, es bis zum zu Ende anzusehen. Heute nun will ich mich diesen unangenehmen Gefühlen stellen und versuche mal, zu beschreiben, was die Bilder in mir auslösen. Dazu muss ich ein wenig ausholen.

Als Mensch, der mit einer sichtbaren Behinderung aufgewachsen ist, inklusiv beschult wurde, als es noch keine inklusiven Schulen gab, und außerhalb von Sondereinrichtungen aufgewachsen ist, weiß ich aus eigener Erfahrung, wie wichtig reale Begegnungen zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen sind, um Berührungsängste abzubauen. Da gehe ich mit der Botschaft der Aktion Mensch vollkommen d’accord!

Je früher die Begegnung, desto nachhaltiger. Als ich Anfang der 80er Jahre in die Grundschulklasse einer Regelschule neu hinzukam, war der Kontakt mit einem behinderten Kind für meine Schulkameradinnen und -kameraden erstmal eine völlig neue Erfahrung. Nachdem ich erstmal ausgiebig beäugt wurde, fielen jedoch sehr bald die Hemmungen und das Miteinander wurde ungezwungen und im besten Sinne „normal“. Ich hörte von meinen Schulkameradinnen und -kameraden sehr oft den, für mich damals irritierenden, Satz „Du bist doch gar nicht behindert!“, was übersetzt so viel heißen sollte wie „Mit dir kann man ja genauso spielen/sprechen/streiten wie mit den anderen (nichtbehinderten) Kindern auch.“. Ich wurde von den Kindern als ihresgleichen begriffen, indem sie keinen Unterschied mehr zwischen behindert und nichtbehindert machten.

Es gehörte irgendwann ganz selbstverständlich dazu, dass sich Freundinnen und Freunde in meinen Rollstuhl setzten und mit ihm herumkurvten oder ich auf Klassenreise während langer Fußmärsche von erschöpften Klassenkameradinnen und Klassenkameraden zu hören bekam „Sei froh, dass du sitzen darfst!“. Von letzterem kann man halten, was man will. Aber der natürliche, spontane Umgang von Kindern gegenüber Behinderung, behinderten Menschen und entsprechend mit Hilfsmitteln, der durch das gemeinsame Aufwachsen und die realen Begegnungen entstehen, sind eine wichtige Voraussetzung für eine inklusive Gesellschaft.

Mit diesem Ansatz versucht sich letztlich auch die Aktion Mensch in ihrem Video. Der Unterschied ist jedoch, dass die Begegnungen, die in den Videos geschaffen werden, eben nicht natürlicher Form sind. Sobald eine Begegnung jedoch nicht mehr auf natürliche Weise zustande kommt, verliert sie ihren freiwilligen Charakter.

So sind die Szenen im Video von Anfang bis Ende künstlich und erzwungen. Die Protagonistinnen und Protagonisten befinden sich in einem Fernsehstudio. Es werden jeweils zwei Menschen miteinander konfrontiert – oder auch aufeinander losgelassen – von denen eine Person explizit eine bestimmte Eigenschaft hat, die die andere Person nicht hat, nämlich die Eigenschaft, behindert zu sein. Diese steht im Fokus des Geschehens, sie wird als solche zwangsläufig zum Thema gemacht. Man könnte auch sagen, das Thema ist vorgegeben, auf dem Stundenplan steht heute das Thema „Behinderung“. Die Kamera dokumentiert nun von Anfang bis Ende, wie die beiden Personen mit dieser Situation umgehen, sie kommen nicht mehr aus der Nummer raus.

Neben dem Zwangscharakter, mit dem die Begegnungen und das Thema generiert werden, stößt etwas Weiteres unangenehm auf: Die Behinderung bzw. das vermeintliche Defizit und damit verbunden das außergewöhnliche Hilfsmittel, das das jeweilige Defizit kompensiert, stehen hier im Mittelpunkt. Solange jedoch die Behinderung eines Menschen im Vordergrund einer Begegnung steht, ist keine Begegnung auf Augenhöhe möglich. Es geht dann nämlich nicht mehr um seine Ressourcen und Fähigkeiten, die ihn zu einem gleichwertigen Individuum machen, sondern um den Fokus auf das, was er nicht kann und was ihn abhängig, hilfsbedürftig, schwach und unterlegen macht. So wird Macht zementiert.

Mehr noch, es ist ein Blick auf Behinderung und behinderte Menschen aus der Perspektive des Nichtbehinderten. Der Mensch mit Behinderung wird damit zum Objekt gemacht, man könnte auch sagen zum Untersuchungsobjekt oder zur exotischen Spezies, die vom nichtbehinderten Betrachter unter die Lupe genommen wird. Der bzw. die Nichtbehinderte wird auf diese Weise unweigerlich zur Norm deklariert, der bzw. die Behinderte trägt das Stigma des Andersartigen.

Der Denkprozess, der bei den (nichtbehinderten) Zuschauerinnen und Zuschauern in Gang gesetzt werden soll, könnte in etwa lauten: „Behindert zu sein ist ja gar nicht so schlimm! Behinderte Menschen sind ja total nett! Wir sind doch alle gleich! Toll, was die alles trotz der Behinderung leisten!“. Mit anderen Worten: Berührungsängste nichtbehinderter Menschen gegenüber Behinderung und behinderten Menschen sollen auf diese Weise abgebaut werden.

Aber können Berührungsängste auf diese Weise wirklich abgebaut werden? Ich sage ganz klar: Nein! Mich erinnern die gefilmten Szenen an diese typischen Situationen, die wohl jeder behinderte Mensch schon mal in ähnlicher Weise erlebt hat, wenn z.B. jemand an der Kasse hinter einem steht und einem lobend auf die Schulter klopft, weil man dazu in der Lage ist, selbständig einen Liter Milch einzukaufen, oder man auf einer Party von dem angetrunkenen Freund eines Freundes gefragt wird, ob man denn auch Sex haben kann und wie er sich das genau vorzustellen hat. Neben der Tatsache, dass solche Begebenheiten per se unangenehm und übergriffig sind, enthalten sie Momente von Faszination, Bewunderung, Neugier. Hier geht es nicht um Begegnung auf Augenhöhe, es geht auch nicht darum, Barrieren und Vorurteile abzubauen und sich wirklich einander näher zu kommen. Es geht um die reine Sensationslust bei gleichzeitig innerer Abwehr nach dem Motto: Erzähl mir alles über dich (über dein Defizit und Anderssein), aber komm mir bloß nicht zu nahe!

Meine Behinderung bzw. das vermeintliche Defizit und Anderssein dienen in solchen Begegnungen als eine Art Quelle der Inspiration.  Diese Art, mit der behinderte Menschen zum Objekt gemacht werden, von deren angeblichen Defizit, Andersartigkeit oder Schicksal sich andere inspirieren, motivieren oder anderweitig profitieren können, bezeichnete die Aktivistin und Journalistin Stella Young sehr treffend als „Inspiration Porn.“ Man könnte auch böse sagen, mein Gegenüber geilt sich daran auf.

Berührungsängste werden auf solche Weise jedenfalls nicht abgebaut, sondern eher noch verstärkt, Grenzen nicht aufgelöst, sondern verfestigt. Statt Normalität im Anderssein zu vermitteln, wird Andersartigkeit zementiert. Die Folge ist Separation statt Inklusion.

Und so, wie ich in solchen Situationen den Menschen, die sich gerade an mir und meinem vermeintlichen Defizit aufgeilen, am liebsten einmal kräftig über den Fuß fahren möchte, habe ich auch bei den Videos der Aktion Mensch das Bedürfnis, auszurufen, Hört auf mit dieser Freak Show! Denn nichts anderes ist es, was die Aktion Mensch da in meinen Augen aufführt. Diese „Abnormitäten-Schaus“, die bis ins 20. Jahrhundert vornehmlich auf Jahrmärkten aufgeführt wurden, verliefen nach einem ähnlichen Prinzip. Menschen mit körperlichen Abweichungen wurden damals auf Bühnen gezeigt, wie sie alltägliche Tätigkeiten verrichteten. Jahrmarktbesucher durften ihnen mit einer Mischung aus Faszination und Ekel dabei zuschauen.

Paradoxerweise ist es gerade auch die Aktion Mensch, die sich öffentlich gegen diese Darstellung von behinderten Menschen in den Medien positioniert und gerne Aktivistinnen und Aktivisten zitiert und mit ihnen kooperiert, die ein anderen Bild von Behinderung verkörpern oder propagieren.

In den vergangenen 16 Jahren seit ihrer Umbenennung hat die Aktion Mensch überdies eine Menge in ihre Public Realtions gesteckt, um ein neues Image zu kreieren und sich von ihrem früher propagierten Bild von Menschen mit Behinderung als sogenannte Sorgenkinder zu distanzieren. Herausgekommen sind dabei viele sehr gelungene Aktionen und Kampagnen, die tatsächlich neue Sichtweisen auf Behinderung und behinderte Menschen in die Medien und damit in den öffentlichen Diskurs transportierten.

Aber Teil des neuen Gewands der Aktion Mensch sind leider auch die besagten Videos, die erstmal sehr innovativ erscheinen mögen, aber bei näherer Betrachtung leider unweigerlich in die Kategorie der Freak Show verfallen. Das ist ganz gewiss nicht beabsichtigt. Aber Aktion Mensch folgt so dem Duktus, dem viele Medien nach wie vor noch immer verfallen, ob sie es wollen oder nicht. Das hängt mit dem Bild in den Köpfen zusammen, gegen das die Aktion Mensch zwar offensiv mit ihren Kampagnen entgegenzuwirken versucht, dem aber viele Aktion Mensch-Funktionäre vermutlich noch immer stark verhaftet sind. Die Videos werden schließlich von nicht behinderten Menschen für nichtbehinderte Menschen gemacht. Und auch viele behinderte Menschen sind leider in diesem Selbstbild gefangen und sehen so nicht, was da mit ihnen gemacht wird und inwiefern sie für den vermeintlich guten Zweck missbraucht und vor den Karren gespannt werden.

Sind das bloße Ausrutscher, wurden die Macherinnen und Macher der Kampagne schlecht beraten oder präsentiert sich hier, böse gesagt, vielleicht auch nur das wahre Gesicht der Aktion Mensch, die noch immer eine Soziallotterie ist, die auf der Mitleidsschiene Geld für den vermeintlich guten Zweck sammelt und behinderte Menschen dafür als Objekte benutzt?

Für mich jedenfalls sehen „bereichernde Begegnungen“ zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen anders aus.

Advertisements